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Reisetag 7

Irgendwann in der Nacht waren wir wohl in Assuan angekommen, denn als wir morgens aus dem Fenster sahen, ging unser Blick direkt hinaus zur Nilstraße.

Das Frühstück, bestehend aus Nescafe, süßen Teilichen und Obst, genossen wir ausgiebig, und um 8.30 ging es dann mit unserem morgendlichen Besichtigungs-marathon los - das Programm für den Vormittag war üppig…

Der Luxusreisebus brachte die Sonnenkinder zum Steinbruch von Assuan, in dem noch heute die Zeugnisse einer längst vergangenen Zeit zu finden sind. Das Highlight ist der unvollendete Obelisk, der, hätte man ihn fertiggestellt, mit 60 Metern der mit Abstand größte seiner Art geworden wäre. Teilweise aus dem Fels herausgearbeitet zeigt der Granitblock sehr deutlich den Grund, warum man ihn aufgeben musste. Tiefe Risse ziehen sich durch den Stein, die ihn früher oder später in mehrere Teile hätten zerbrechen lassen. Auch ein weiterer Versuch, aus dem vorhandenen Granitblock einen etwas kleineren Obelisken herauszuarbeiten, scheiterte an weiteren Rissen.

Die Alten Ägypter waren schlaue Leute, das steht wohl ausser Frage. Die Art und Weise, wie sie große Brocken aus dem Fels heraus brachen, ist genauso einfach wie genial. Mit Basalt wurden kleine Löcher entlang der gewünschten Schnittkante gebohrt, die dann mit Holzstiften gefüllt wurden. Wenn man nun reichlich Wasser dazu gab, dehnte das Holz sich soweit aus, dass der gewünschte Brocken regelrecht abgesprengt wurde. Das härteste Material, welches die Alten Ägypter zum Bearbeiten des Granits hatten, war Basalt. Dieser schwarze Stein ist zwar nicht viel härter als Granit, aber hart genug, um den Granit zu behauen und mit Reliefs zu versehen. Im Steinbruch zu arbeiten war sicherlich kein Zuckerschlecken…

Während ich noch dabei war, die einfachen Werkzeuge anzusehen, war Markus auf Fotosafari, während der er auch einem Polizisten über den Weg lief, der ihn mit einem „Kucken!“ hinter einen Felsen lockte. Als aufmerksame Ehefrau beäugt man derartiges natürlich mit Interesse. Ob der ihn verhaften will? Nein, der Grund für den kurzen Polizeigewahrsam war ein 4 Meter tiefer und 1x1 Meter breiter Schacht, der ebenfalls dafür gegraben worden war, mit Holz und Wasser traktiert zu werden. Ob die da den ganzen Steinbruch sprengen wollten, ist aber leider nicht bekannt. Der Polizist jedenfalls hat sich gefreut, dass Markus ein Foto von dem Loch gemacht hat.

Da es in Ägypten nicht nur Altertümer sondern auch technische Meisterleistungen der Moderne gibt, führte uns unser Weg nun zuerst über den alten Assuan-Staudamm hinauf zum weithin bekannten Hochstaudamm. Von deutschen Ingenieuren geplant und von russischen Technikern ausgeführt, wurde der Damm Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts fertiggestellt und ist bis zur Beendigung des Baus am Yanktse in China der größte Staudamm der Welt. Eigentlich ist das Bauwerk weniger ein klassischer Damm als eine Pyramide (das hat in Ägypten schliesslich auch jahrtausendelange Tradition!). Mit einer Stärke von 3 km am Grund verjüngt sich der Damm zu 120 Metern ganz oben, wo eine Straße darüber führt. Im hier betriebenen Elektrizitätswerk wird genug Strom produziert, um das ganze Land sowie einige Nachbarländer zu versorgen. Und dabei sind von den vorhandenen sechs Turbinen erst zwei in Betrieb! Natürlich sollte man bei diesen Angaben berücksichtigen, dass es sich bei Ägypten um ein Entwicklungsland handelt, welches nicht soviel Strom braucht wie westliche Industrieländer. Aber dennoch zeigt dieses Projekt doch sehr deutlich, welche enorme Kraft der Nil hier entfesselt… Der Stausee, der nach dem damaligen Präsidenten Ägyptens Lake Nasser genannt wurde, ist über 500 km lang, von denen sich 125 km im Sudan befinden.

Neben dem herausragenden Bau des Hochstaudammes fanden gleichzeitig weitere nicht weniger erstaunliche Projekte statt. Viele altägyptische Kulturstätten liefen Gefahr, vom Lake Nasser unwiederbringlich verschluckt zu werden, was die UNESCO auf den Plan rief, die immer dann zuständig ist, wenn es um Weltkulturerbe geht. Eine große Anzahl historischer Tempel wurde fein säuberlich in handliche Häppchen zersägt und an sicherer Stelle wieder zusammengesetzt. Der berühmteste Tempel, der in diesem Projekt gerettet wurde, ist der große Felsentempel von Ramses II. in Abu Simbel, dazu später aber mehr.

Guter Dinge steuerten wir nun Ziel Nummer 3 an, eine nubische Parfürmerie. Die Nubier sind ein dunkelhäutiger Volksstamm, der im Süden Ägyptens lebt. Vor sehr langer Zeit war Nubien ein eigenständiges Land, das mit den Pharaonen regen Handel trieb, vor allem mit Gold und Duftstoffen. Irgendeinem Pharao kam dann irgendwann die Idee, warum er denn kaufen solle, was er selber haben könne. Dieser spontanen Eingebung folgte ein kurzer, dafür heftiger Feldzug, in dessen Folge Nubien ägyptisch wurde. Nach so langer Zeit hatten die Nubier sich inzwischen damit abgefunden, irgendwie Ägypter zu sein – und dann kam der Bau des Staudamms, der eine fatale Nebenwirkung hatte: Fast das ganze von Nubiern bewohnte Land würde vom Lake Nasser überflutet werden. Da wurde kurzerhand entschieden, Tausende von Menschen umzusiedeln. Deren Begeisterung kann man sich vorstellen…

Auch wenn ihnen das Schicksal so manches Mal übel mitgespielt hat, sind die Nubier freundliche und herzliche Leute, die unter anderem für ihre temperamentvolle Musik und ihre Parfümerien berühmt sind. Viele Parfums, die von Calvin Klein, Joop und wie sie alle heißen zu Mondpreisen verschachert werden, erhielten ihre Grundsubstanz aus Assuan und Umgebung. Die bekannten Hersteller nehmen von diesen Düften aber nur eine Winzigkeit und strecken sie mit Alkohol und anderen chemischen Substanzen. Wer allergisch auf das Zeug der „Großen“ reagiert, dem sei ein Besuch im tiefen Süden Ägyptens empfohlen, denn die Grundstoffe lösen keine Allergien aus, riechen intensiver und sind ergiebiger. Wir erhielten hier aber nicht nur sehr interessante Tatsachen, sondern auch ein schönes kühles Glas Karkadeh serviert, das bei Temperaturen um die 45°C wie ein göttlicher Segen wirkte.

Vor der Parfümerie mussten wir eine Weile warten, bis der Luxusreisebus uns einsammelte. So waren wir natürlich ein gefundenes Fressen für eine hauptsächlich minderjährige verkaufswütige Meute, die unter anderem 12 Lesezeichen für „un-äuro“ (also 1 Euro) im Angebot hatte. Klar, ich lese manchmal drei oder vier Bücher gleichzeitig, aber zwölf? Nun, die Kinder kann man recht leicht abwimmeln, aber wenn einem dann plötzlich so eine 120 kg Frau gegenübersteht, die der Ansicht ist, dir jetzt unbeding etwas verkaufen zu müssen, dann kommt man etwas in Bedrängnis… Manchmal bin ich wirklich froh um meinen angeborenen Geiz!

Trotz aller Widrigkeiten schafften wir es zurück zum Schiff, wo es wieder ein Buffet ohne Soße gab (wenigstens Salatdressing wäre cool gewesen!), danach hatten wir dann ein paar Stunden frei, was uns dann natürlich zum gemütlichen Karkadeh-Schlürfen auf dem Sonnendeck animierte.

Gut ausgeruht konnten wir uns dann dem Nachmittagsprogramm widmen. Erster Tagesordnungspunkt war die Hauptmoschee von Assuan. Hier galt es, die Schuhe vor der Tür zu parken und den Körper mit einem großen Tuch zu bedecken, um nicht respektlos zu sein. Auch Ahmed wusste viel über den Islam zu erzählen, auch über die Dinge, die den Islam mit dem Christentum verbinden – und das sind nicht wenige. Überhaupt ist der Islam, wie er in Ägypten ausgeübt und gelebt wird, eine sehr tolerante Religion. An und für sich ist Religion auch eine feine Sache, weil sie den Menschen einen Halt bietet. Leider gibt es hier wie dort immer wieder Fundamentalisten, deren verquere Denkweise keiner versteht. In einer Moschee gibt es keine Bänke oder Stühle, stattdessen sind auf dem Boden große, schöne Teppiche ausgelegt, auf die man sich während des Gebets knien kann. Der Vorbeter, der Imam, steht etwas erhöht auf einer Kanzel, damit man ihn besser hören kann. Neben der nach Mekka ausgerichteten Gebetsnische befindet sich noch ein Pult, auf dem der Koran ausliegt, in dem jeder nachschlagen kann (sodenn er des Arabischen fähig ist).

Während ich diese Zeilen schreibe, erinnere ich mich daran, dass wir in Hurghada nach dem Besuch der Moschee weitergefahren sind zum Basar. In Assuan war das nämlich genauso…

Zum Basar in Assuan sei gesagt, dass es sich hierbei nicht um einen typischen Touristenbasar handelt. Hier gehen auch die Einheimischen zum Einkaufen, was dem Ganzen auch eine viel authentischere Note gibt.

Bei einem sehr netten Händler deckten wir uns mit Malventee und feinen Gewürzen ein, die in Ägypten sehr preiswert sind. Die Preisverhandlungen zwischen Markus und dem Händler fand ich allerdings ziemlich verwirrend, weil ständig von Euro zu Pfund und von Pfund zu Euro gesprungen wurde. Irgendwann war es dann soweit, dass der Händler auch nicht mehr durchblickte, so dass wir die ganze Tüte für einen echten Spottpreis bekamen. Man braucht auch ab und zu ein Erfolgserlebnis!

Auf unserem Weg durch den Basar verfolgte uns eine Weile ein Schuhputzer, der unbedingt meine Latschen putzen wollte. An denen klebte Sand und alles mögliche, aber ich war mir sicher, dass diese ausgelatschten Treter eine Behandlung durch den energischen jungen Mann nicht überleben würde, weshalb ich freundlich ablehnte. Markus hatte auch so ein Anhängsel in Form einer Frau mit Kind auf dem Arm, die voll auf der Mitleidswelle daher kam und Geld wollte. Manchmal hat man das Gefühl, die glauben alle, in Deutschland wüchse das Geld auf den Bäumen! Wie auch immer, es ist einfach ein Genuss über einen bunten Basar zu gehen – das ist auf jeden Fall interessanter als das dröge Shopping zu Hause, wo man von einem Laden zum nächsten rennt und einem doch nichts gefällt…

Einen wunderschönen Ausklang des Nachmittags gönnten wir uns in einem kleinen nubischen Restaurant, das auf einer Anhöhe liegt und daher einen herrlichen Ausblick über den Nil und die Inseln bietet. Bei Schwarztee, Schischa und Keksen konnten wir den herrlichen Sonnenuntergang geniessen. Ich habe ehrlichgesagt nie zuvor so wunderschöne Sonnenuntergänge gesehen wie am Nil…

Und dann vor dieser Kulisse! Man sah unter anderem das Old Catarect Hotel, im 19. Jahrhundert im viktorianischen Stil erbaut, in dem Agatha Christie ihren bekannten Krimi „Tod am Nil“ schrieb – die Haupthandlung spielt auch in diesem Hotel!

Wenn man den Blick dann etwas weiter schweifen lässt, fällt einem die größte der Inseln, Elephantine, ins Auge. Die Insel verdankt ihren Namen dem Elfenbeinhandel, der zu pharaonischer Zeit hier beheimatet war. Heute findet man auf der Insel ein Hotel sowie zwei nubische Dörfer. Wir kosteten die Aussicht aus, bis es dunkel wurde und machten uns dann auf den Rückweg zum Schiff.

Diesmal gibt es keinen Kommentar über das Abendessen. Wir litten noch immer unter Pharaos Rache und Besserung war nicht in Sicht. Ob das am Essen, am Nilwasser oder an der Hitze lag, konnten wir leider nicht herausfinden. Seinen fröhlichen Ausklang fand der Abend schliesslich bei einem nubischen Abend in der Lounge. Mit vielen Trommeln und Instrumenten, die es bei uns gar nicht gibt, heizten diese Jungs den lahmen Europäern so richtig ein. Ich hatte selten zuvor soviel Spaß bei Live-Musik!

Eigentlich hatte Ahmed gemeint, wir sollten früh zu Bett gehen, weil der nächste Tag sehr früh beginnen wurde, aber irgendwie war es dann doch nach 23 Uhr…

 
Bilder des 7. Reisetages
Der unvollendete Obelisk (in neuem Fenster)
Der unvollendete Obelisk
Der unvollendete Obelisk (in neuem Fenster)
Der unvollendete Obelisk
Werkzeug im Steinbruch (in neuem Fenster)
Werkzeug im Steinbruch
Steinbruch in Assuan (in neuem Fenster)
Steinbruch in Assuan
Staudamm in Assuan (in neuem Fenster)
Staudamm in Assuan
Lake Nasser (in neuem Fenster)
Lake Nasser
Moschee von Assuan (in neuem Fenster)
Moschee von Assuan
Bazar von Assuan (in neuem Fenster)
Bazar von Assuan
Bazar von Assuan (in neuem Fenster)
Bazar von Assuan
Bazar von Assuan (in neuem Fenster)
Bazar von Assuan
Sonnenuntergang (in neuem Fenster)
Sonnenuntergang
Assuan bei Nacht (in neuem Fenster)
Assuan bei Nacht
Literatur zum Thema
Wetter in Ägypten
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Assuan: 37°C