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Reisetag 5

Zugegeben, es ist schon hart, im Urlaub zu einer Zeit aus dem Bett zu kriechen, zu der man dies nur tut, wenn man arbeiten muss und einem nichts anderes übrigbleibt.

An diesem Morgen waren wir allerdings alle hellwach und wissensdurstig, weshalb beim Frühstück kaum gegähnt wurde. Nach zwei Tassen Nescafe und tausend Kalorien in Form von extrem süßem ägyptischem Plundergebäck später, verliesen wir unser Hotelschiff um halb sieben. Da wir am Ostufer des Nils angelegt hatten und sich das Tal der Könige am Westufer befindet, folgte eine Fahrt in einem recht abenteuerlichen Motorboot quer über den Nil. Im Alten Ägypten fand das Leben am östlichen Ufer des Nils statt, während am Westufer die Nekropolen angesiedelt wurden.

Dass die Alten Ägypter nicht gerade ein Muster an Bescheidenheit waren, sahen wir schon kurz nach unserer Ankunft auf der anderen Nilseite wieder mal bestätigt. Ein weiterer Luxusreisebus brachte uns zuerst zu den Memnonkolossen, zwei 20 m hohen Kolossalstatuen, welche einst den Eingang des Totentempels von Amenophis III. zierten. Von dem Tempel ist allerdings nichts mehr übrig, da wohl einer der Amtsnachfolger des Pharaos den Tempel als praktischen Steinbruch betrachtete und ihn entsprechend Stück für Stück abtragen liess. Die Kolosse stehen aber nach wie vor und haben schon so manches Erdbeben überstanden. Bei einem dieser Erdbeben bekam eine der Statuen Risse, durch die im Morgengrauen, wenn der Wind durch den feuchten Stein pfiff, Geräusche verursacht wurden, die wie Wehklagen klangen. Man schrieb diese Klagelaute, die man sich anders nicht erklären konnte, einem Mann namens Memnon zu, der in der griechischen Mythologe vor den Toren Trojas von Achilles getötet worden war. Es gibt auch eine Version, in der Memnons Mutter, die Göttin Aurora, um ihren getöteten Sohn weint. Die Geräusche sind heute allerdings nicht mehr zu hören, weil die Statuen irgendwann restauriert worden waren.

Von den Memnonkolossen aus sind es nur noch wenige Minuten im Luxusreisebus bis zum Tal der Könige, welches auf den ersten Blick absolut unspektakulär ist. Das Tal besteht aus einem etwas breiteren Hauptweg, von dem immer wieder Seitenäste abgehen, über die man zu den einzelnen Grabeingängen gelangen kann. Über 20 Grabstätten hat man bereits ausgegraben, doch es werden stetig mehr, denn es ist noch längst nicht alles entdeckt. Als Otto Normaltourist darf man freilich nicht alles ansehen. Drei Gräber werden einem gegönnt. Wenn man allerdings bereit ist, nochmal 70 Pfund abzudrücken, darf man sich auch noch das total unspektakuläre und kleine Grab von Tutanchamun anschauen. Das kostet vor allem deshalb extra, weil der Gute wohl einer der berühmtesten Pharaonen ist. 1922 wurde das Grab von Howard Carter als das einzige Grab entdeckt, das nicht von Grabräubern heimgesucht worden war. Die unermesslichen Goldschätze aus dem Grab (inklusive der berühmten Totenmaske) sind heute im Ägyptischen Museum in Kairo zu bewundern – zumindest jene Gegenstände, die Carter nicht gestohlen und in Großbritannien verhökert hat.

Wir bestaunten die Grabstätten von Ta-usert/Setnakht, Sethos I. und Ramses IX.. Die Reliefs an den Wänden sind von erstaunlicher Schönheit und bewundernswertem Detailreichtum. Auch sind die Farben bestens erhalten geblieben. Was man aber kaum fassen kann, ist, wie es die Alten Ägypter mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln schaffen konnten, die Gräber viele Meter tief in den Fels hineinzutreiben. Die Grabstätten sind ähnlich wie die Tempel in einer Achse angeordnet, auf der sich verschiedene Vorkammern und zuletzt die Sarkophagkammer befinden.

Erschlagen von sovielen Bildern und von der stickigen Luft in den Gräbern fanden wir uns nach einer Weile wieder am Treffpunkt ein. Wir kauften einem Händler noch eine Postkartensammlung mit Fotos aus den Grabstätten ab (in denen das Fotografieren verboten ist, was ein gefundenes Fressen für jene ist, die immer mal gerne ein Pfund dazu verdienen wollen). Der Händler behauptete, unser zerfledderter 20 Pfund-Schein sei nur 15 Pfund wert aufgrund dessen, dass der Schein wirklich nicht mehr taufirsch war. Nach einer kleinen Diskussion rückte er das Wechselgeld aber doch raus.

Zufrieden konnten wir uns also zum Hatschepsut-Tempel auf der anderen Seite jenes Berges begeben, der das Tal der Könige umschliesst. Der Busparkplatz war ziemlich weit vom Tempel entfernt, so dass wir das letzte Stück des Weges in einer kleinen Elektrobahn zurücklegten. Die Ägypter haben mittlerweile nämlich erkannt, dass die Abgase von Autos und Bussen ihren Kulturdenkmälern nicht wirklich gut tun und ergreifen zumindest teilweise Maßnahmen, um sie zu schützen.

Königin Hatschepsut war eine recht bemerkenswerte Frau. Als Gemahlin von Pharao Thutmosis I. mischte sie sich bereits mit Begeisterung in das politische Geschehen ein und war so eine Art inoffizielle Mitregentin ihres Mannes. Doch irgendwann starb der Pharao und sein Nachfolger liess nicht zu, dass Hatschepsut, die er ebenfalls zur Frau nahm, sich überall einmischte. Thutmosis II. starb in den Armen seiner Frau und man ist sich bis heute nicht im Klaren, ob Hatschepsut da nicht ein bisschen nachgeholfen hatte. Der Pharao hatte keinen wirklich legitimen Nachfahren hinterlassen, so dass der Thron an einen Sohn ging, der ihm von einer seiner Konkubinen geschenkt worden war. Der Knabe war freilich zum Regieren viel zu jung, so dass Hatschepsut sich als eine Art treusorgende Tante wieder in den Vordergrund brachte. Anfänglich regierte sie noch im Namen Thutmosis III., doch schliesslich riss sie die Macht ganz an sich und liess den jungen Pharao beseitigen. Zwanzig Jahre dauerte Hatschepsuts Herrschaft. Im Gegensatz zu den ihr vorangegangenen Männern, hielt sie nicht viel vom Krieg und von Eroberungen. Stattdessen entsandte sie eine Expedition in das geheimnisvolle Land Punt, das vermutlich irgendwo im heutigen Somalia gelegen haben muss, die von dort erstaunliche Dinge mitbrachte. In ihrem Tempel berichtet eine ganze Wand von dieser Unternehmung. Auch Kunst und Kultur erlebten in dieser Zeit eine selten gesehene Blüte. Ein vortrefflicher Baumeister entwarf und baute für Hatschepsut einen Totentempel, der in seiner Architektur wohl zu den schönsten Bauwerken Ägyptens zählt. Die Tempelräume wurden in den gelben Fels hineingeschlagen und terassenförmig auf drei Ebenen angelegt. Auffällig sind die Statuen der Königin, die sich gerne in Männerkleidung und mit dem Zermonialbart der Pharaonen darstellen liess. Geweiht war der Tempel der Göttin Hathor, die für Fruchtbarkeit, Freude, Liebe, Kunst und Musik zuständig war und immer als Kuh oder Frau mit Kuhhörnern dargestellt wurde. Von ihr und von ihrem Mann, dem Falkengott Horus, sind sehr viele Bildnisse zu finden, die teilweise noch immer die Farben aus früherer Zeit tragen. Man stellt schnell fest, dass an vielen Abbildungen und Statuen von Hatschepsut das Gesicht ausgemeiselt wurde, was sich aber begründen lässt: Als Thutmosis III. zu einem Mann herangewachsen war, kehrte er zurück an den königlichen Hof. Hatschepsut hatte wohl nicht die richtigen Leute ausgewählt, um den lästigen Knaben zu beseitigen. Thutmosis tötete die Frau, die ihm für so lange Zeit genommen hatte, was ihm gebührte, und wurde nun endgültig als der rechtmäßige Pharao gekrönt. Aus Hass und Wut liess er alles vernichten, was Hatschepsut geschaffen hatte – nur diesen einen Tempel nicht, da dieser auf heiligem Boden stand.

So erklärt sich, warum vielen Bildern und Statuen das Gesicht fehlt, bzw. das Gesicht durch das von Thutmosis III. ersetzt wurde, und warum sich Tuthmosis’ III: Namenskartusche überall in Hatschepsuts herrlichem Tempel finden lässt.

Leider gibt es zu diesem Tempel auch eine sehr tragische Geschichte: Im Jahre 1997 während der Hauptsaison, als sich sehr viele Leute in diesem Tempel aufhilten, kamen von den umgebenden Bergen sechs schwerbewaffnete Terroristen, die 60 unschuldige Menschen töteten. Allein in der Anubiskammer kamen 35 Schweizer ums Leben. Bis heute konnte nicht herausgefunden werden, aus welchem Motiv dieser Anschlag stattgefunden hatte. Den Tourismus, der zwei Drittel des ägyptischen Staatshaushaltes bestreitet, brachte dieser Anschlag für etwa ein Jahr fast zum Erliegen. Dieses Jahr genügte, um Ägypten vom aufstrebenden Schwellenland zurück in die Dritte Welt zu werfen. Die Terroristen wurden noch an Ort und Stelle von Polizisten erschossen. Doch wie soll man je verstehen, warum es immer wieder Menschen gibt, deren einziges Lebensziel darin zu bestehen scheint, andere Menschen ins Verderben zu stürzen?

Mittlerweile hatte das Thermometer die 40°C-Marke längst erreicht und es ging schon stark auf Mittag zu. Wir hatten für diesen Vormittag nun auch nur noch eine Station vor uns: Eine Alabasterwerkstatt, in der heute noch mit traditionellen Werkzeugen Krüge und Figuren aus Alabaster gefertigt werden, die dann auf den Touristenbasaren verkauft werden. Seltsamerweise schafften wir es trotz der wirklich großen Auswahl an wunderschönen Stücken, nichts zu kaufen! Aber schön sind die Arbeiten allemal, so dass man als Mensch mit Sinn für Ästhetik genügend zu sehen bekommt.

Schliesslich lieferte uns der Luxusreisebuss wieder an der Bootsanlegestelle ab, wo es mittels Motorboot wieder zurück ans Ostufer ging. Auf unserem Hotelschiff wurden wir mit kühlen Getränken empfangen, was pure Labsahl für Leib und Seele war.

Nach einem weiteren soßenlosen Mittagessen ging es dann endlich mit der Kreuzfahrt los. Für die ersten 30 km von Luxor nach Esna brauchten wir nicht sehr lange, aber es blieb Zeit genug, um es sich gemütlich zu machen und das langsam vorbeiziehende Nilufer zu beobachten, von wo aus uns immer wieder Menschen zuwinkten. Andere sahen wir bei der Arbeit auf dem Feld oder in den Bananenplantagen. Und zwischendurch begegnetem wir auch einem Fischer. Die Ägypter haben eine recht ungewöhnliche Art zu fischen. Zuerst wird ein Netz ausgelegt und dann schlägt einer mit einem gebogenen Paddel mehrmals aufs Wasser, um die Fische ins Netz zu treiben. Wir nannten diese recht merkwürdig wirkende Tätigkeit sinngemäß „Fische prügeln“.

Am späten Nachmittag kamen wir in Esna an, wo nun die große Warterei begann. Hier ist die einzige Schleuse im ägyptischen Teil des Nils zu finden, welche in 45 Minuten nur zwei Schiffe gleichzeitig passieren können. Dies ist ein Umstand, den sich die Händler zu Nutzen machten. In kleinen Ruderboten und mit lautem Geschrei wie „’Olla! Olla!“ kommen sie vom Festland her und bieten ihre Waren feil. Wenn sich nicht spontan ein Käufer findet, packen sie die Ware (hauptsächlich Kleidungsstücke) in eine Plastiktüte und werfen sie aufs Sonnendeck. Als potentieller Kunde kann man sich dann aussuchen, ob man das Teil behalten will oder nicht. Kaufwillige stecken den Betrag, den sie zu zahlen bereit sind, in die nun leere Tüte und werfen sie zurück zum Händler. Das ganze Szenario wirkt ziemlich grotesk, aber man hat beim Zuschauen auf jeden Fall einen Heidenspaß.

Nachdem die Händler zufrieden wieder abgezogen waren, gab es für die Berge&Meer-Leute, neuerdings Sonnenkinder genannt, eine Infoveranstaltung, in der Ahmed erzählte, wie der weitere Ablauf unserer Kreuzfahrtwoche gestaltet sein würde. Wir meldeten uns bei der Gelegenheit gleich noch spontan für die freitägliche Fahrt nach Abu Simbel und eine Stadtrundfahrt in Assuan an. Jene Mittouristin, die sich am Vortag schon über das frühe Aufstehen beklagt hatte, mäkelte rum, dass sie es eine Frechheit fände, dass die Reisegesellschaft nicht das Wasser zum Zähneputzen kostenlos zur Verfügung stelle. In Ägypten ist es so, dass den Touristen empfohlen wird, kein Nilwasser zu trinken, und es wird auch geraten, zum Zähneputzen Mineralwasser zu nehmen. Dies liegt weniger an der Wasserqualität des Nils als an der Tatsache, dass im Nil Bakterienstämme leben, mit denen ein europäischer Magen seine Probleme hat. Ahmed wiegelte die Frau sehr gekonnt ab: „Es hat keiner gesagt, dass Sie das Nilwasser nicht benutzen dürfen – das ist kostenlos“. Allseits Gelächter und eine beleidigte Leberwurst… Als wir das alles geklärt hatten, wies Ahmed noch auf die Galabia-Party hin, die am nächsten Abend stattfinden würde. Jenes bis zu den Fußknöcheln reichende Gewand, das in der arabischen Welt oft getragen wird, nennt man Galabia oder zu Deutsch Kaftan. Es solle bitteschön jeder in so einem Ding zur Party kommen. Nein, es war keine Pflicht und wir entschlossen uns am nächsten Vormittag dafür, dem Wunsch nicht nachzugehen – dazu aber später mehr.

Das Abendessen, welches sich vom Mittagessen und dem Essen am Vortag nicht sonderlich unterschied, machte satt. Nur wurde es langsam langweilig…

Ich weilte zu dem Zeitpunkt, an dem wir endlich die Schleuse passieren konnten, längst im Land der Träume. Es muss weit nach Mitternacht gewesen sein. Die Reihenfolge, in denen die Schiffe dran kamen, war für uns nicht ersichtlich. Wir vermuten, dass es dabei auf die Höhe des Bakschisch ankam, dass der Kapitän dem Schleusenwärter zukommen liess…

 
Bilder des 5. Reisetages
Memnon-Kolosse (in neuem Fenster)
Memnon-Kolosse
Tal der Könige (in neuem Fenster)
Tal der Könige
Tal der Könige (in neuem Fenster)
Tal der Könige
Tal der Könige (in neuem Fenster)
Tal der Könige
Hatschepsut-Tempel (in neuem Fenster)
Hatschepsut-Tempel
Hatschepsut-Tempel (in neuem Fenster)
Hatschepsut-Tempel
Hatschepsut-Tempel (in neuem Fenster)
Hatschepsut-Tempel
Entlang des Nils (in neuem Fenster)
Entlang des Nils
Entlang des Nils (in neuem Fenster)
Entlang des Nils
Auf dem Sonnendeck (in neuem Fenster)
Auf dem Sonnendeck
Schwimmende Händler (in neuem Fenster)
Schwimmende Händler
Warten in Esna (in neuem Fenster)
Warten in Esna
Wetter in Ägypten
Alexandria: 22°C
Kairo: 31°C
Luxor: 36°C
Assuan: 37°C